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Lange überfällig ist die Otto-Wolfskehl-Gedenktafel, die jetzt im Wolfskehl'schen Park angebracht werden soll (Foto: HEINERTOWN.DE / Andreas Kelm)

Erinnerungen: Der Aufstieg und Fall der Familie Wolfskehl

Darmstadt 04.11.2014

Die Geschichte der jüdischen Patrizierfamilie Wolfskehl ist lang und bewegt – und doch nur noch wenigen Darmstädtern bekannt. Dabei stellten die Wolfskehls einst Finanzberater des Großherzogs, Bankiers, Mediziner, Kulturförderer und Dichter. Zu Ehren von Otto Wolfskehl, einem der bedeutendsten Vertreter der Familie, wird am Freitag (07.11.) um 12 Uhr eine Gedenktafel am Treppenaufgang des Wolfkehl'schen Parks in der Karlstraße eingeweiht.

Aus dem Exil in Neuseeland schrieb der Dichter Karl Wolfskehl seinem Freund Werner Bock, Professor für Literaturgeschichte an der Universität Montevideo, am 5. Februar 1947 folgende Zeilen: „Daß Gießen und damit auch das ‚Wallthor‘ mit seinem altväterlichen vornehmen Patrizierhaus als Trümmerfeld daliegt, wußte ich. Darmstadt aber ist sozusagen vom Erdboden verschwunden, und ich bin, symbolisch genug, jetzt wirklich der Vergangenheit entrückt.“

In seinem Brief zieht Karl Wolfskehl einen Schlussstrich unter seine Darmstädter Vergangenheit. Innerhalb weniger Jahre, so wusste er, waren fast alle Spuren seiner Familie in der Stadt beseitigt worden. Mindestens elf Mitglieder der Familie Wolfskehl wurden während der Shoah von den Nazis ermordet; darunter Karls Bruder Eduard, der 1943 im Arbeitserziehungslager Heddernheim getötet wurde. Die Familienvilla in Bessungen, die der Architekt Gustav Jacobi 1895/96 im Auftrag von Karls Vater Otto Wolfskehl gebaut hatte, wurde wiederum während der Brandnacht 1944 zerstört.

Karl Wolfskehl selbst war noch am Tag der Machtergreifung Hitlers über Basel nach Italien und von dort aus 1938 nach Neuseeland emigriert, wo er 1948 starb. Aus seinem Exil hielt der deutschlandweit bekannte Lyriker brieflichen Kontakt zu Freunden, von denen er die schrecklichen Nachrichten aus seiner früheren Heimat erfuhr. Zudem schrieb er Gedichte, in denen er seine Vertreibung und Entwurzelung literarisch zu verarbeiten suchte. Einige dieser Gedichte sollen gar über Umwege an die Gebrüder Stauffenberg gelangt sein und sie zu ihrem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 motiviert haben.

Mit dem Tod von Karl Wolfskehl und seinem Bruder Eduard, dem Erbauer des Darmstädter Hauptbahnhofs, verschwanden die beiden letzten in Darmstadt geborenen Vertreter der Familie Wolfskehl. Ihre Nachkommen leben seither verstreut in Deutschland und der Schweiz und sind bis heute nicht in ihre frühere Heimat zurück gekehrt. „Die Familie Wolfskehl ist tatsächlich nach dem Krieg aus Darmstadt verschwunden. Wobei man sagen muss, dass die Nachkommen von Karl und Eduard der Stadt immer verbunden geblieben sind. Viele haben sich mit der bewegten Geschichte ihrer Familie beschäftigt und dabei auch immer mal wieder die Stadt besucht“, sagt Volkhard Huth, Professor für Geschichte an der TU Darmstadt.

Professor Huth hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Geschichte der Familie Wolfskehl beschäftigt. Ihre Bedeutung für die Entwicklung der Stadt Darmstadt kann aus Sicht des Historikers kaum hoch genug bewertet werden: „Darmstadts Weg in die Moderne haben die Mitglieder der Familie Wolfskehl im 19. und 20. Jahrhundert maßgeblich vorangetrieben. Man denke nur an Otto Wolfskehl, der den Bau des Polytechnikums der heutigen TU maßgeblich mit voran getrieben hat. Zugleich ist die Familie ein exponiertes Beispiel für die erfolgreiche Emanzipation des Judentums in Deutschland.“

Wurzeln in Darmstadt schlugen die Mitglieder der Familie, die laut Karl Wolfskehl von dem kaiserlichen Leibarzt Otto II. Calonymus ben Mashulam (10. Jahrhundert) abstammen, im 18. Jahrhundert. Ihr Familienname geht auf einen ihrer Vorfahren zurück, der seine Heimatgemeinde Wolfskehlen im Hessischen Ried verlassen hatte, um in Darmstadt als so genannter „Schutzjude“ Unterschlupf zu suchen. Seine Nachkommen etablierten sich innerhalb weniger Jahre als angesehene Kaufleute, die vor allem mit Tüchern und Ellenwaren handelten. Auch für die jüdische Gemeinde der Stadt spielten die Mitglieder der Familie Wolfskehl schon bald eine bedeutende Rolle.

Den Wohlstand seiner Familie begründete der Kaufmann Heyum Wolfskehl (1776-1866), Vorsteher und Beschneider der jüdischen Gemeinde Darmstadts. Um 1800 gründete er in der Stadt das Bankhaus „Heyum Wolfskehl und Sohn“, dessen Erfolg den Großherzog zu der Entscheidung veranlasste, den Bänker zu seinem persönlichen Finanzberater und Hofbankier zu ernennen. Sein Sohn Carl (1814-1863) heiratete standesgemäß Johanna Caulla, die Tochter des Stuttgarter Hofbankiers, und setzte die Erfolgsgeschichte des Darmstädter Bankhauses nahtlos fort.

Während Carls jüngster Sohn Paul (1856-1906) als bedeutender Arzt und Mathematiker weltweit von sich reden machte, festigte sein ältester Sohn Otto (1841-1907) die Stellung der Familie auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Nach dem Tod seines Vaters übernahm Otto Wolfskehl zunächst die Leitung über das Bankhaus, doch eigentlich strebte der studierte Jurist nach einer Karriere in der Politik. Von 1874 bis zu seinem Tode war er Stadtverordneter der nationalliberalen Partei in Darmstadt und engagierte sich in dieser Zeit nicht zuletzt für den Erhalt der Polytechnischen Schule, aus der später die Technische Hochschule hervor ging. Von 1875 bis 1897 war er darüber hinaus Landtagsabgeordneter und mehrere Jahre lang Vizepräsident der Zweiten Kammer. Sein Mandat legte er 1897 nieder, weil er aufgrund seines jüdischen Glaubens immer häufiger zum Opfer von politischen Intrigen wurde.

Mit Paula Simon (1848-1876), der Tochter des ehemaligen Hannoverschen Hofbankiers Israel Simon, zeugte Otto Wolfskehl die Kinder Karl (1869-1948), Margarete (1871-1904) und Eduard (1874-1943). Später, nachdem Paula Simon an Schwindsucht starb, lernte der Politiker die Sängerin und Pianistin Lilli Schulz (1841-1920) kennen, die durchaus neue Impulse in die Familie brachte. Otto Wolfskehl, selbst begeisterter Violinist, wirkte vermutlich auch aufgrund ihres Einflusses lange Jahre als Präsident des Darmstädter Musikvereins, dessen Musiker ihre Konzerte nicht selten in der neu erbauten Familienvilla der Wolfkehls in Bessungen gaben.

Da Ottos Tochter Margarete den preußischen Major Karl Freiherr von Preuschen heiratete und sein Sohn Karl während seiner Karriere als Schriftsteller durch ganz Deutschland und Europa zog, kann Eduard, der jüngste Sohn Otto Wolfskehls, durchaus als letzter der Familie bezeichnet werden, dessen Wirken sich vor allem auf die Stadt Darmstadt konzentrierte. Zumal Eduard Wolfskehl für das heute vielleicht auffälligste Vermächtnis seiner Familie in Darmstadt verantwortlich zeichnete: Den Hauptbahnhof, den er während seiner Zeit als Regierungsbaumeister mit plante.

An eine ihrer einflussreichsten Familien erinnert in der Stadt Darmstadt heute nur noch wenig. Dass der Wolfskehl'sche Park einst Teil des stattlichen Familienanwesens war, davon zeugt allein der Name der Parkanlage, die 1950 in städtischen Besitz über ging. Die Otto-Wolfskehl-Straße am Hauptbahnhof erhielt nach dem Krieg den Namen Goebelstraße, stattdessen erinnert nur noch der Name einer kleinen Seitenstraße der Dieburger Straße – die Wolfskehlstraße – an eine der bedeutendsten jüdischen Familien in der Geschichte der Stadt Darmstadt.

Die Mitglieder des Fördervereins Liberale Synagoge (FLS) setzen sich schon seit Jahren dafür ein, dass die Erinnerung an die Familie Wolfskehl in Darmstadt gepflegt wird. Auch auf ihr Engagement hin wurde 2014 ein Studentenwohnheim in der Stephanstraße zum „Karl-Wolfskehl-Haus“ getauft. Am Freitag wird nun nach mehrjährigem Einsatz der FLS-Mitglieder eine Otto-Wolfskehl-Gedenktafel im Wolfskehl'schen Park eingeweiht. „Bei einer Fahrradtour auf dem Hügel des Wolfskehl'schen Parks im Jahr 2012 entdeckte ich zu meiner großen Verwunderung, dass es nirgendwo ein Hinweisschild auf Otto Wolfskehl und seine Familie gab“, erinnert sich Martin Frenzel, der Vorsitzende des FLS. „Ohne diesen Otto Wolfskehl, der Politiker, Mäzen, Wohltäter und Menschenfreund war, sähe das Darmstadt von heute anders aus.“

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