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Die Beamten des Darmstädter Hauptzollamtes mit einigen beschlagnahmten Gegenständen aus der Reservatenkammer. Unser Bild zeigt (von links) Norbert Köppen, Dirk Spielmann, Stefan Pranzas und Peter Mallon. (Foto: HEINERTOWN.DE/Andreas Kelm)

Hauptzollamt: Die „Jäger der verlorenen Schätze“ berichten von ihrer Arbeit

Darmstadt 14.11.2014

Über Langeweile können die Mitarbeiter des Darmstädter Hauptzollamtes ganz sicher nicht klagen. Jeden Tag erleben sie etwas Neues. Dabei können die Zöllner manchmal selbst kaum glauben, auf was für Ideen manche Menschen kommen. HEINERTOWN-Autor Fabian May berichtet.

Auf den ersten Blick sieht er harmlos aus, der Spazierstock, den Stefan Pranzas vom Hauptzollamt Darmstadt zu Beginn des Interviews mit HEINERTOWN präsentiert. Doch bei dem beschlagnahmten Stück handelt es sich nicht um eine harmlose Gehhilfe für ältere Menschen. Ganz im Gegenteil: Mit einem einfachen Handgriff enthüllt Pranzas einen rund einen Meter langen Metallspieß, der im Inneren des Stocks verborgen war – und der im Falle des Falls zur tödlichen Waffe werden kann.

Beschlagnahmt wurde der „Spazierstock“ von einem französischen Anbieter, der das Stück auf der Messe AMBIENTE in Frankfurt angeboten hatte. Weil die Waffengesetze in Frankreich weniger streng sind als in Deutschland, ist das Stück in unserem Nachbarland legal zu erwerben, was natürlich nichts daran ändert, dass hierzulande schon der Besitz einer solchen Waffe eine Straftat darstellt. Daher darf sie hier auch nicht auf einer Messe angeboten werden. „Wir haben auf der gleichen Messe Spielkarten von einer chinesischen Firma beschlagnahmt. Bei näherem Hinsehen fiel uns auf, dass die Karten aus Metall sind und messerscharfe Kanten haben. Das waren Wurfsterne“, erinnert sich Pranzas.

In Momenten wie diesen sind auch die Zöllner erst einmal baff. So viel sie in ihrer Laufbahn auch schon gesehen haben: Überraschungen und Kuriositäten gehören selbst für die „alten Hasen“ zum Alltag. Daher hat jeder Zöllner die eine oder andere spannende Anekdote in petto: Pranzas‘ Kollege Peter Mallon erinnert sich zum Beispiel noch heute mit einem Schmunzeln an einen Einsatz bei der bei der Messe „Light + Building“ in Frankfurt. Damals kassierte er gemeinsam mit seinen Kollegen eine Reihe von Straßenlaternen ein, bei denen es sich um Nachahmungen eines deutschen Herstellers handelte: „Wir waren zu viert, und jeweils zwei von uns haben eine dieser vier Meter langen Straßenlaternen über die Schulter gelegt und nach draußen getragen. Ein göttliches Bild.“

Norbert Köppen, der stellvertretende Leiter des Darmstädter Zollamtes, berichtet im Gespräch mit HEINERTOWN von einem Phänomen, das sowohl kurios als auch traurig ist. Derzeit machen viele Kriminelle ihre Geschäfte mit Müllcontainern, die nach Ghana verkauft werden. „Das ganze wird als Umzugsgut angemeldet. Bei den Kontrollen stellt sich dann meistens heraus, dass neben Altreifen von Kraftfahrzeugen, die schlicht und einfach Abfall sind, auch große Mengen an Elektroschrott in dem Container sind. Dabei dürfen in Deutschland nur funktionstüchtige Elektrogeräte und kein Abfall ausgeführt werden“, so Köppen.

Der Elektroschrott ist für eine Müllkippe in Ghanas Hauptstadt Accra bestimmt, eine der größten in ganz Afrika. Dort verdienen Kinder und Jugendliche sich ein bisschen Kleingeld, indem sie bei der Verbrennung der Geräte helfen. Während ihre Auftraggeber mit den durch das Feuer freigelegten Edelmetallen Profit machen, atmen ihre jungen Helfer die krebserregenden Dämpfe ein, die dabei entstehen. Ohne Atemschutz versteht sich.

Die Kontrollen dieser Container sind für die Zöllner häufig eine Mammut-Aufgabe. Denn in den meisten Fällen sind sie bis zum Zerbersten gefüllt. „Man sieht zum Beispiel erst einmal einen Kühlschrank. Macht man ihn auf, findet sich darin eine Mikrowelle. Und in der Mikrowelle ist dann häufig auch noch ein Fön oder Ähnliches zu finden. Das alles wird natürlich nicht angemeldet“, sagt Köppen, der sich an Kontrollen erinnert, die die Zöllner drei volle Tage beschäftigt haben.

Anders als bei ihren Kollegen von der Kontrolleinheit Verkehrswege in Frankfurt spielt die Arbeit der Darmstädter Zöllner sich in vielen Bereichen überwiegend hinter geschlossenen Türen ab. Die Erhebung von Steuern und Abgaben, Finanzkontrollen und die Bekämpfung der Schwarzarbeit gehören unter anderem zu ihrem Aufgabenbereich. „Jäger der verlorenen Schätze“, so bezeichnet Zöllner Dirk Spielmann die Arbeit, die er und seine Kollegen betreiben. In 2013 konnten sie durch ihre Arbeit über 2,9 Milliarden Euro erwirtschaften – Geld, das letztlich allen Steuerzahlern und Bürgern in Deutschland zu Gute kommt.

Natürlich sind auch die Darmstädter Zöllner regelmäßig auf der Straße unterwegs. So etwa Dirk Spielmann, der die Kontrolleinheit Verkehrswege leitet, die sich um die Verkehrswege in Südhessen kümmert. Darunter die A3 mit dem Frankfurter Kreuz, ein Drehkreuz des innereuropäischen Verkehrs. Wenig gibt es, dass der erfahrene Beamte noch nicht gesehen hat. Ein Fall ist ihm jedoch besonders im Gedächtnis geblieben: „Wir haben einmal einen Zug im Raum Köln kontrolliert, der auf dem Weg nach Frankfurt war. Natürlich konnten wir nicht alle Passagiere kontrollieren, also haben wir uns sechs raus gesucht. Wir haben eine junge Frau gefragt, ob sie denn Betäubungsmittel dabei hat, und sie zückte gleich aus ihrem BH ein Päckchen mit 20 Gramm Kokain. Als wir uns dann ihre Tasche angeschaut haben, stellte sich heraus, dass die Dame weitere 500 Gramm versteckt hatte.“

Nach Aussage der Zöllner könnte man gut und gerne doppelt so viele Mitarbeiter wie die derzeit 420 einsetzen. Deswegen sucht man beim Darmstädter Hauptzollamt im Moment auch nach Nachwuchs: „Der Job ist sehr abwechslungsreich. Man lernt sehr viel über ganz verschiedene Bereiche, seien es Chemikalien, Stoffe oder Materialien. Ich denke, dass keiner von uns sich auch nur einen Tag bei der Arbeit gelangweilt hat“, sagt Norbert Köppen. Sein Kollege Peter Mallon ergänzt: Es gibt bei uns so viele Bereiche, da findet wirklich jeder seine Nische. Meine Frau arbeitete zum Beispiel lange Zeit und mit Begeisterung auf dem anspruchsvollen Gebiet des Artenschutzes.“

Das Hauptzollamt Darmstadt ist für Südhessen, für Wiesbaden und einen Teil von Frankfurt zuständig. Junge Menschen mit Realschulabschluss oder Hochschulreife erhalten unter www.zoll.de weitere Informationen zu den Bewerbungskriterien.

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